Eine offene Scheidung der Geister!



Die Beantwortung der Dubia der vier Kardinäle durch Papst Franziskus läßt auf sich warten. Eine angekündigte formale Correctio des Papstes wird möglicherweise zunächst auf einer privaten Ebene geschehen, bevor sie offiziell würde und wir davon Kenntnis erhalten würden.

Inzwischen hören wir die unterschiedlichsten Reaktionen auf das päpstliche Schreiben Amoris laetitia. Da gibt es Bischöfe, und eine gesamte Bischofskonferenz in Deutschland, welche das Schreiben des Papstes so auslegen, daß u.U. der Empfang der Sakramente für jene möglich wird, die in einer zweiten intimen Verbindung leben, ohne daß die erste Ehe ungültig erklärt ist. Andere Bischöfe interpretieren das Schreiben so, daß sich an der bisherigen Praxis der Kirche nichts geändert hat und der Empfang der Sakramente für diese Personengruppe nicht möglich ist und AL im Sinne der Tradition interpretiert werden müsse.

Welch ein Widerspruch in unserer Kirche!

Der Glaubenspräfekt, Kardinal Müller, äußert in Interviews zwar seine traditionsgebundene Sicht, schreitet aber bisher nicht ein, um jene Bischöfe zur Ordnung zu rufen, welche eine „liberalere Praxis“ propagieren. Der Papst schweigt, scheint jedoch, wie z.B. aus dem bekanntgewordenen Brief an die Bischöfe von Buenos Aires hervorgeht, die liberale Praxis zu unterstützen.

Es gibt also derzeit keine autoritative Stellungnahme der Kirchenleitung zu der Problematik um AL, sondern es ist den Bischöfen überlassen, welche Schlüsse sie aus Amoris laetitia ziehen und wie sie das Schreiben in die Praxis umsetzen! Ein Dilemma!

Entsprechend sind die Diskussionen auf vielen Websites. Die einen meinen, daß nun durch den Papst stärker ein Weg der Barmherzigkeit eröffnet wurde, andere sehen darin einen Widerspruch zum kath. Glauben und zur bisherigen Praxis, zumindest eine erhebliche Schwächung.
Aus meiner Sicht handelt es sich um einen Irrtum, der sich nun in der Kirche ausbreitet. Dieser ist nicht erst mit dem Schreiben von Amoris laetitia entstanden. Es gab ihn schon vorher! Jedoch ist mit dem Schreiben und der nun von der Leitung der Kirche bisher nicht korrigierten veränderten Praxis der Irrtum wie offiziell integriert und beeinflusst nun viele Bereiche. Wenn z.B. die Priesterausbildung in Zukunft mit einschließt, dass sie Sakramente spenden sollen, ohne dass die bisher gültigen Bedingungen für den Empfang des Sakramentes erfüllt werden, wenn Institute der Kirche sich nach den neuen Normen ausrichten sollen, die im Widerspruch zur bisherigen Praxis des Empfangs der Sakramente stehen, und wenn neue Mitarbeiter nach solchen Kriterien ausgewählt werden, dann verbreitet der Irrtum seine Dunkelheit und durchzieht die Kirche wie ein Geschwür!

Manche sprechen von einem bereits faktischem Schisma in der Kirche, andere sehen es kommen.

Es hat sich leider bewahrheitet, daß AL wie zur Gretchenfrage geworden ist, an der sich die Geister scheiden. Progressiv eingestellte Katholiken erhoffen noch weitere Erleichterungen, „pastorale Lösungen“ und Veränderungen in der Kirche, welche sie fähig machen soll, in der Welt von heute besser zu wirken.

Andere sehen hingegen eine fortschreitende Verweltlichung und Gefährdung des Glaubens, das Schwinden der Transparenz und Heiligkeit zugunsten der horizontalen Dimension des christlichen Glaubens.

Ohne Frage: es ist eine sehr ernste Situation!

Der manchmal gehörte, etwas relativierende, Hinweis, daß es ja schon immer Krisen in der Kirche gab und die Kirche alle überstanden habe, tröstet nicht darüber hinweg, daß die derzeitige Krise offensichtlich in der Spitze der Kirche angekommen ist. Nicht wenige Gläubige finden im Amt und in der Person des Papstes nicht mehr genügend Sicherheit; es ist ihnen eher zu einer Quelle der Unsicherheit geworden!

Wie könnte man denn die derzeitige Situation einordnen und sie von Gott her zu verstehen versuchen, da Gott doch mit Sicherheit über seiner Kirche wacht?

Aus meiner Sicht geschieht derzeit eine Scheidung der Geister.

Es ist nicht mehr tragbar, daß wir auf der einen Seite ein Lehramt der Kirche haben, das aber in der kirchlichen Praxis keine Rolle spielt. Ich meine dabei nicht gelegentliche Übertretungen, die leider immer wieder aufgrund unserer gefallenen Natur vorkommen und korrigiert werden können. Es gibt jedoch dauerhafte Haltungen, die im Widerspruch zur Lehre der Kirche stehen. Glauben wir jedoch als Katholiken an die heilige katholische und apostolische Kirche, dann ordnen wir uns auch ihrer Lehre und Praxis unter.

Nehmen wir als Beispiel Humanae vitae . Dem Katholiken ist es laut der Enzyklika von Papst Paul VI. nicht gestattet, künstliche Empfängnisregelung anzuwenden. In Deutschland und Österreich, evtl. auch in anderen Ländern, wurden den Gläubigen jedoch durch die Bischöfe selbst Wege geöffnet, diese Entscheidung in ihren Gewissensbereich zu verlegen. Die Folge davon ist, daß wohl sehr viele Katholiken wie selbstverständlich die künstliche Empfängnisregelung praktizieren. Nicht mehr die Lehre der Kirche formt hier das Gewissen, sondern das Gewissen entscheidet aufgrund eigener Kriterien. Denken wir den Gedanken zu Ende, dann bedeutet das, daß u.U. sehr viele Katholiken im Widerspruch zu den Weisungen Gottes, durch die Kirche vermittelt, stehen und in diesem Zustand vielfach auch die heilige Kommunion empfangen. Wahrscheinlich werden sie auch die Anwendung der künstlichen Empfängnisregelung nicht mehr in die Beichte tragen, um sie vergeben zu bekommen. Das aber schwächt die Kirche von innen erheblich und richtet in ihr einen dauerhaften Widerspruch auf. Keine Frage, daß bei einer solchen Haltung der Gläubigen der Gehorsam gegenüber der Kirche immer mehr schwindet und auch andere Bereiche erfassen wird.

Als nächstes sehr aktuelles Beispiel können wir die Zulassung zu den Sakramenten sehen, wenn die eigene Lebenssituationen objektiv im Widerspruch zu Gottes Gebot steht. Das ist bei den sog. wiederverheirateten Geschiedenen der Fall, welche nicht enthaltsam leben.

Den Bischofssynoden von 2014 und 2015 ging bereits ein offensichtlich nicht selten praktizierter Ungehorsam in Bezug auf den Empfang der Sakramente jener Personengruppe voraus. Es ist eine Tragik in diesem Pontifikat, daß sich nun jene, die vorher im Ungehorsam lebten, so fühlen können, als hätten sie schon eine Art „vorausschauenden Gehorsam“ praktiziert, der jetzt durch die Kirchenleitung bestätigt zu sein scheint!

Niemand, der Augen hat zu sehen, wird diese davor verschließen können, daß damit ein Einbruch in der Kirche geschieht, der eine eigene Dynamik entwickelt. Während die Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI. dieser Entwicklung noch entgegenwirkten, scheint sie Papst Franziskus nicht nur nicht aufzuhalten, sondern zu begünstigen!

Damit ist aber eine Entscheidungssituation eingetreten, die in AL einen Kulminationspunkt besitzt!

Es scheiden sich die Geister bis in die Hierarchie hinein, wie man bereits feststellen kann.

So schmerzhaft es ist, dies zu sehen, so notwendig ist es wohl geworden. Folgen wir dem Herrn in einer Kirche, welche mit der Autorität des Herrn ausgestattet ist und den Gläubigen verbindliche Weisung für ihren Weg der Nachfolge Christi gibt, oder suchen wir uns aus, was nach unserem Dafürhalten das Richtige ist? Geschieht letzteres, so werden wir unweigerlich in den Sog des Subjektivismus geraten und objektive Normen als immer weniger verbindlich betrachten.

Diese Scheidung der Geister wird wohl weitergehen und kann zur Reinigung der Kirche dienen. Vielleicht läßt es der Herr nicht mehr zu, daß äußerlich zusammenbleibt, was nicht zusammengehört.

Wir können nicht Kirche sein und gleichzeitig dem Weltgeist die Türe öffnen und unsere Entscheidungen von diesem Geist beeinflussen lassen. Die Kirche hat ihre objektiven Kriterien im Wort des Herrn, und die Lebenspraxis wird ausgehend von diesem Wort gestaltet. Das ist auch der Grund, warum die wahre Kirche nicht vom Gebot des Herrn abrücken wird und deshalb auch eine Praxis ablehnt, die zum Gebot Gottes in Widerspruch gerät, wie das in der liberalen Auslegung von AL der Fall ist.

Die Scheidung der Geister begann bereits schon vor Amoris laetitia, jetzt aber wird sie öffentlich und daher sichtbar!

Sehr schmerzlich ist das für diejenigen, die sich der Lehre der Kirche verpflichtet sehen, daß sie nun in Uneinheit mit dem Papst geraten können. War der Papst bisher ein Garant dieser Lehre, scheint dies nun nicht mehr so sicher zu sein! Auch der Papst ist an die Lehre der Kirche gebunden. Sollte er selbst mit ihr in Konflikt geraten, können die Gläubigen ihre Liebe zu ihm so ausdrücken, daß sie für ihn beten! Sie können ihm aber nicht in den Irrtum folgen! Sie werden hoffen, daß der Nachfolger Petri seinen Irrtum erkennt und ihn korrigiert!

Wohin wird dies alles führen, wenn keine Kurskorrektur erfolgt? Das kann man zu dieser Stunde nicht sagen.

Wenn jedoch die Scheidung der Geister weiter voranschreitet, dann darf man am Ende auf eine erneuerte Kirche hoffen, die ihre Einheit zurückgewinnt. Vielleicht wird sie zahlenmäßig nicht mehr so groß sein, aber sie wird ihrem Herrn entschieden treu bleiben und in der ihr anvertrauten Lehre verharren.

Sollte der Papst seinen Kurs noch klären und korrigieren und den Irrtum überwinden, muß man aber trotzdem mit einer weiteren Scheidung rechnen. Jene Kräfte, welche eine „progressive“ Kirche wollen, die sich der Welt mehr angleicht, werden kaum wieder auf den Weg des Gehorsams gegenüber der Kirche zurückkehren wollen.

Wird es ein offenes Schisma geben? Auch das weiß Gott alleine! Man kann es nicht ausschließen!

Es bleibt uns aber das Gebet und das Vertrauen, daß Gott alles dem Ziel zuführen wird, das ihn verherrlicht und den Menschen dient!